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AudiotourHörraum | Witz, Idylle und Freundschaftskult | Zu Besuch im Laurenz-Zellweger-Zimmer in der Kantonsbibliothek

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Das Laurenz-Zellweger-Zimmer ist im 3. Obergeschoss des Gemeindehauses Trogen, Landsgemeindeplatz 1, zu entdecken.

Laurenz Zellweger (1692–1764) ist der älteste von drei Söhnen von Maria Magdalena (1671–1747) und Conrad Zellweger-Tanner (1659–1749). Sein Vater trägt 1717 die Zellweger’sche Handelsmarke in Lyon ins Handelsbuch ein und legt damit die Basis für die Zellweger’schen Niederlassungen in der europäischen Handelsmetropole. Seine Brüder treten in die Fussstapfen des Vaters. Sie werden Kaufherren und verheiraten sich mit Töchtern von Landammann Jakob Sulser von Azmoos. Wie die Zellweger in Trogen, die Wetter in Herisau oder die Gonzenbach in Hauptwil beeinflussen die Sulser in Azmoos im 18. Jahrhundert den Textilfernhandel und die lokale Politik. Alle diese Familien steigen im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts in den Handel mit Rohbaumwolle und Baumwollgeweben ein – und sie bauen Steinpaläste in ihren ländlichen Heimatorten. Die mächtigen Bauwerke sind es, die vom wirtschaftlichen Erfolg auf internationaler Ebene zeugen.

Laurenz Zellweger ist kein erfolgreicher Textilhandelsherr. Laurenz Zellweger ist Landarzt. Nach einem Vorbereitungsjahr beim Arzt und Naturwissenschaftler Johann Jakob Scheuchzer in Zürich studiert er im niederländischen Leiden bei Herman Boerhaave Medizin, beim gleichen universitären Lehrer, bei dem später auch Albrecht von Haller studiert. Die Universität Leiden ist eine Hochburg der Wissenschaft, Boerhaave zieht Medizinstudenten aus ganz Europa an seine Fakultät. In Holland lernt Zellweger auch die Frühaufklärung kennen, darunter die englische Wochenschrift „The Spectator“, die 1711–12 von Joseph Addison und Richard Steele herausgegeben wird. Erklärtes Ziel der Wochenschrift ist es, „die Moral mit Geist zu beleben, und den Geist durch Moral zu mildern … die Philosophie aus den Bücherschränken und Bibliotheken, den Schulen und Universitäten zu holen, auf dass sie in Klubs und Versammlungen, an Teetischen und in Kaffeehäusern weilen möge“. Zellweger lässt sich später mit dem Spectator in der Hand porträtieren. Und er bringt die Philosophie – die Bildung, die Wissenschaft und die Literatur – nach Trogen in seine „förene Hütte“ am Landsgemeindeplatz, deren „Tabackstube“ zum Treffpunkt für seinen grossen Freundeskreis wird. Nachdem er 1713 über Paris nach Trogen zurückgereist ist, installiert er zuhause seine Arztpraxis. Ab den 1720er Jahren beginnt er eine Freundschaft mit den Zürcher Gelehrten Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger. Bodmer, der in Zürich und Winterthur junge wissensdurstige Männer um sich schart, wird zum engsten Vertrauten Zellwegers. Während vierzig Jahren wechseln die beiden bisweilen im Dreitagesrhythmus Briefe zwischen Zürich und Trogen. Trogen ist das neue Arkadien, das theokritische Idyll, wo sich der Mensch seiner Natur gemäss entfalten kann. Zellweger, von Bodmer „Philocles“ genannt, „der für seine Freunde Berühmte“, wird zum Patriarchen stilisiert, zum Philosophen in den Alpen. Johann Georg Sulzer, Friedrich Gottlieb Klopstock, Christoph Martin Wieland und Bodmer selbst machen das Appenzellerland zum literarischen Sujet: die Landschaft mit ihren Töbeln und Högern als „einfache Schönheiten der Natur“, das Wohlgefühl durch Bewegung an der frischen Luft und das Erklimmen von Anhöhen und Gipfeln, das Trinken „bluterfrischender Molke“ sowie den wehmütigen Gesang der Sennen. Hinzu kommt das Lob der Freiheit, die in der Landsgemeinde als einem urdemokratischen Ideal besungen wird. In fröhlicher Ungezwungenheit mitten im Idyll werden die neusten Ereignisse der Literatur besprochen, wird die patriotische Gesinnung gestärkt und der preussische Monarch Friedrich II. verehrt. „Ein jeder gestuhnd, daß er mit neuen Reitzungen zur Tugend und Weisheit von diesem Mann weggegangen, und einer eiferte auf den andern, den Verstand, die Redlichkeit und Gutmüthigkeit desselben zu erheben“, schreibt Johann Caspar Hirzel in seinem Nachruf auf Zellweger. „Gehe nicht krumm nach Männern, die richtige Wege gegangen, kennest du nicht den geraden Pfad, so frage Philocles“, notiert Bodmer unter das Bildnis, das Füssli auf die Schnelle in Trogen bei Tisch auf ein Papier malt, das zum Abdecken des Honigtopfs verwendet wird. „Der ist seiner mächtig und kann sich glücklich schätzen, dem es allabendlich erlaubt ist zu sagen, ‚ich habe gelebt. (Horaz, Carm. III 29,41–43)“, lautet Zellwegers persönlicher Wahlspruch auf jenem Porträt, das ihn mit dem Spectator in der Hand zeigt.

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