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AudiotourHörrundgang | Textilhandel und Religion | Zu Besuch in der Kirche und im Textilfoyer im Gemeindehaus

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2 Tour-Stationen

  1. Audio-Tour Zusammenfassung
  2. Audio-Tour Zusammenfassung

    Die Geschichte des 18. Jahrhunderts in Trogen ist geprägt vom (Fern-)Handel mit Leinwandprodukten, der ab der Jahrhundertmitte mit der Ausweitung auf die Baumwolle am Vorabend der Industrialisierung einen Höhepunkt erreicht und in den Bauten, die den Landsgemeindeplatz säumen, bleibende Spuren hinterlässt. Zentrale Elemente des Hörrundgangs «Textilhandel und Religion» sind die Steinpaläste am Landsgemeindeplatz mit Fokus auf das Gemeindehaus (Landsgemeindeplatz 1) und die Kirche.

    Am Beispiel des Deckengemäldes im Chor der Kirche Trogen wird das Zellweger’sche Welt- und Selbstverständnis ergründet. Die reichen Stuckaturen und die Malereien im Innern der Kirche sind untypisch für ein protestantisches Gotteshaus. Mitglieder der Familie Zellweger waren Spenderinnen und Spender nicht nur von Teilen des Bauwerks, sondern vor allem auch von dessen Ausstattung bis hin zum Silbergeschirr für das Abendmahl. Die Gemälde finanzierte Ursula Wolf-Zellweger (1735–1820), und sie liess sich auf dem Chorgemälde auch noch selbst abbilden; mit Fingerzeig himmelwärts. Das Chorgemälde zeigt Menschen der vier Erdteile Asien, Europa, Amerika und Afrika um eine zentrale Mittlerfigur gruppiert, die durch Jesaja zur versammelten Welt spricht, sich dem einen und einzigen Gott zuzuwenden. Das dieser Aussage zugrunde liegende Weltbild geht davon aus, dass Gott für jeden Menschen auf dieser Erde da ist, ihm aber auch seine Stellung und Rolle in der Gesellschaft zuweist, und zwar so, wie jeder es verdient. Wer Gott erkannt hat, der hat auch seine eigene Rolle in der Gesellschaft erkannt und handelt dieser Rolle entsprechend. Dieses Muster ist für die Zellweger als Bürger von Trogen, als Bürger des Landes Appenzell, als Kaufleute und als Menschen zu beobachten. Den Reichtum, den sie sich mit internationalen Geschäften erwirtschaften, investieren sie in ihre Geschäfte und lassen ihn auf der andern Seite aber auch wieder ihrer Heimat zukommen. Sie unterstützen die öffentliche Hand mit Privatmitteln und gründen soziale und kulturelle sowie Bildungsinstitutionen, die teilweise bis heute Bestand haben.

    Ebenfalls ihren festen Platz in der Gesellschaft haben die Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter, die mit Spinnen, Weben und Sticken erst die Grundlage liefern, damit der Markt funktioniert. Die Produkte, die in Trogen und in der ganzen Region hergestellt werden, sind Leinwand verschiedener Qualitäten, Stuchen, Batist, Mischgewebe wie Barchent und zunehmend Mousseline in allen Varianten. Konjunkturschwankungen, die im 18. Jahrhundert häufig sind, bekommen die lohnabhängigen Textilproduzenten am schnellsten und heftigsten zu spüren.

    In diesem textilzentrierten Gefüge wirken sich die Verbindung von Geschäftstüchtigkeit, Strenge und puritanischem Protestantismus und die enge Familienbande durch Einbinden von Söhnen, Schwiegersöhnen und Schwägern ins Unternehmen bei den Vertretern der vierten Zellweger-Generation für den Erfolg im Fernhandel günstig aus. Die Zellweger’schen Handelshäuser geben nach der Mitte des 18. Jahrhunderts die verlagsmässige Kontrolle über die Produktion auf und widmen sich fortan fast ausschliesslich dem Handel mit Rohstoffen und Fertigfabrikaten. Nach Lyon wird der Mittelmeerhafen Genua als Geschäftssitz immer wichtiger; auch der politischen Situation wegen, die in Frankreich instabil ist und die häufigen Konjunkturschwankungen mitverursacht. Die verschiedenen Zellweger’schen Firmen handeln nicht allein mit Leinengeweben, Rohbaumwolle, Garn und Baumwollgeweben, sondern auch mit Kaffee und anderen Kolonialwaren. Das Handelsgebiet erstreckt sich auf einen Raum zwischen Malta, Cadiz, Lissabon, London, Glasgow, Hamburg, Königsberg, Petersburg, Moskau, Kaluga, Jassy und Fiume. Auch Handelsbeziehungen zu den spanischen Kolonien in Amerika und den französischen Besitzungen in Westindien bestehen. Die Wechselgeschäfte werden über professionelle Handelsbanken in Amsterdam, London und Augsburg abgewickelt. Hauptsitz der Zellweger-Unternehmen ist – bis zum Konkurs der letzten Firma im Jahr 1817 – Trogen.

    Trotz ihres Reichtums bleiben die Zellweger ihrem strengen protestantischen Ethos treu und verdammen Luxus und Verschwendung. In ethischen Belangen wertkonservativ, sind sie – und hierin besonders beispielhaft Johannes Zellweger-Hirzel (1730–1802), der zu den reichsten Männern des Ancien Régime zählt, – im Handelsgebaren höchst innovativ. Die Kirche Trogen mit ihrer Ausstattung und den Gemälden führt diese Symbiose exemplarisch vor.

  3. 1 Textilhandel und Religion 1 | Auf der Terrasse vor dem KVT-Haus
  4. 2 Textilhandel und Religion 2 | In der Kirche mit Blick auf das Deckengemälde im Chorraum
  5. 3 Textilhandel und Religion 3 | Hinter dem Gemeindehaus mit Blick auf zwei Ferggerhäuser, die Fabrik und den Stuchenplatz
  6. 4 Textilhandel und Religion 4 | Im Textilfoyer im dritten Obergeschoss des Gemeindehauses
  1. Audio-Tour Zusammenfassung

    Die Geschichte des 18. Jahrhunderts in Trogen ist geprägt vom (Fern-)Handel mit Leinwandprodukten, der ab der Jahrhundertmitte mit der Ausweitung auf die Baumwolle am Vorabend der Industrialisierung einen Höhepunkt erreicht und in den Bauten, die den Landsgemeindeplatz säumen, bleibende Spuren hinterlässt. Zentrale Elemente des Hörrundgangs «Textilhandel und Religion» sind die Steinpaläste am Landsgemeindeplatz mit Fokus auf das Gemeindehaus (Landsgemeindeplatz 1) und die Kirche.

    Am Beispiel des Deckengemäldes im Chor der Kirche Trogen wird das Zellweger’sche Welt- und Selbstverständnis ergründet. Die reichen Stuckaturen und die Malereien im Innern der Kirche sind untypisch für ein protestantisches Gotteshaus. Mitglieder der Familie Zellweger waren Spenderinnen und Spender nicht nur von Teilen des Bauwerks, sondern vor allem auch von dessen Ausstattung bis hin zum Silbergeschirr für das Abendmahl. Die Gemälde finanzierte Ursula Wolf-Zellweger (1735–1820), und sie liess sich auf dem Chorgemälde auch noch selbst abbilden; mit Fingerzeig himmelwärts. Das Chorgemälde zeigt Menschen der vier Erdteile Asien, Europa, Amerika und Afrika um eine zentrale Mittlerfigur gruppiert, die durch Jesaja zur versammelten Welt spricht, sich dem einen und einzigen Gott zuzuwenden. Das dieser Aussage zugrunde liegende Weltbild geht davon aus, dass Gott für jeden Menschen auf dieser Erde da ist, ihm aber auch seine Stellung und Rolle in der Gesellschaft zuweist, und zwar so, wie jeder es verdient. Wer Gott erkannt hat, der hat auch seine eigene Rolle in der Gesellschaft erkannt und handelt dieser Rolle entsprechend. Dieses Muster ist für die Zellweger als Bürger von Trogen, als Bürger des Landes Appenzell, als Kaufleute und als Menschen zu beobachten. Den Reichtum, den sie sich mit internationalen Geschäften erwirtschaften, investieren sie in ihre Geschäfte und lassen ihn auf der andern Seite aber auch wieder ihrer Heimat zukommen. Sie unterstützen die öffentliche Hand mit Privatmitteln und gründen soziale und kulturelle sowie Bildungsinstitutionen, die teilweise bis heute Bestand haben.

    Ebenfalls ihren festen Platz in der Gesellschaft haben die Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter, die mit Spinnen, Weben und Sticken erst die Grundlage liefern, damit der Markt funktioniert. Die Produkte, die in Trogen und in der ganzen Region hergestellt werden, sind Leinwand verschiedener Qualitäten, Stuchen, Batist, Mischgewebe wie Barchent und zunehmend Mousseline in allen Varianten. Konjunkturschwankungen, die im 18. Jahrhundert häufig sind, bekommen die lohnabhängigen Textilproduzenten am schnellsten und heftigsten zu spüren.

    In diesem textilzentrierten Gefüge wirken sich die Verbindung von Geschäftstüchtigkeit, Strenge und puritanischem Protestantismus und die enge Familienbande durch Einbinden von Söhnen, Schwiegersöhnen und Schwägern ins Unternehmen bei den Vertretern der vierten Zellweger-Generation für den Erfolg im Fernhandel günstig aus. Die Zellweger’schen Handelshäuser geben nach der Mitte des 18. Jahrhunderts die verlagsmässige Kontrolle über die Produktion auf und widmen sich fortan fast ausschliesslich dem Handel mit Rohstoffen und Fertigfabrikaten. Nach Lyon wird der Mittelmeerhafen Genua als Geschäftssitz immer wichtiger; auch der politischen Situation wegen, die in Frankreich instabil ist und die häufigen Konjunkturschwankungen mitverursacht. Die verschiedenen Zellweger’schen Firmen handeln nicht allein mit Leinengeweben, Rohbaumwolle, Garn und Baumwollgeweben, sondern auch mit Kaffee und anderen Kolonialwaren. Das Handelsgebiet erstreckt sich auf einen Raum zwischen Malta, Cadiz, Lissabon, London, Glasgow, Hamburg, Königsberg, Petersburg, Moskau, Kaluga, Jassy und Fiume. Auch Handelsbeziehungen zu den spanischen Kolonien in Amerika und den französischen Besitzungen in Westindien bestehen. Die Wechselgeschäfte werden über professionelle Handelsbanken in Amsterdam, London und Augsburg abgewickelt. Hauptsitz der Zellweger-Unternehmen ist – bis zum Konkurs der letzten Firma im Jahr 1817 – Trogen.

    Trotz ihres Reichtums bleiben die Zellweger ihrem strengen protestantischen Ethos treu und verdammen Luxus und Verschwendung. In ethischen Belangen wertkonservativ, sind sie – und hierin besonders beispielhaft Johannes Zellweger-Hirzel (1730–1802), der zu den reichsten Männern des Ancien Régime zählt, – im Handelsgebaren höchst innovativ. Die Kirche Trogen mit ihrer Ausstattung und den Gemälden führt diese Symbiose exemplarisch vor.

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